Den Schritt einfach mal verlangsamen

Aktualisiert: 28. Nov 2020

Bis Weihnachten ist es nicht mehr weit. Das Jahr neigt sich langsam dem Ende zu. Bei manchen lösen diese banalen Statements leichte bis mittelschwere Nervosität aus. Von Langsamkeit scheint keine Spur. Es gibt noch zu viel zu tun, zu erreichen und abzuschließen. Schon bald brennt die erste Kerze, aber du fühlst dich ausgebrannt. Ausgerechnet jetzt, wo du dir wünschst, jemand würde dich mit einem Turbo ausstatten, lade ich dich ein, die Langsamkeit zu entdecken.



Das ganze Jahr schon begleitet mich ein Spruch, den ich heute mit dir teilen möchte. An einem Abend im Januar saß ich auf der Couch und las eine Zeitschrift. Auf einer Seite, die ich gerade überblättern wollte, fiel mir ein Zitat ins Auge: „Wenn du es eilig hast, gehe langsam.“ Dieser Satz aus einer japanischen Weisheit stand dort ohne Zusammenhang und blieb mir im Gedächtnis.

Ich denke, dass sich mir die Worte so eingeprägt haben, weil sie mir im richtigen Moment begegnet sind. Zu einer Zeit, in der ich es vor allem in meiner Gedankenwelt immerzu eilig hatte. Organisatorisches, Ideen, Sorgen, Organisatorisches, Wünsche, Termine, Organisatorisches - alles schien sich beinahe zu überschlagen. Organisatorisches ist an dieser Stelle ein Oberbegriff, für weitere rund 65 Einzelgedanken. Nichts konnte ich wirklich zu Ende bringen, bevor mich der nächste Punkt auf der Liste in meinem Kopf bereits ein- und überholte. Es gibt diese Zeiten, da scheint plötzlich alles vor lauter Eile drunter und drüber zu gehen. Manchmal sind das sehr ausgedehnte Zeiten.


Wir leben in einer Welt, in der oft ein hohes Tempo gefordert ist. Wenn wir uns dem immerzu anpassen, verlieren wir den Blick für das Wesentliche. Wir haken eine Aufgabe auf einer ToDo-Liste ab und im gleichen Moment verlängern wir sie um drei weitere. Wir rennen drauflos und verfehlen das eigentliche Ziel. Oder erledigen alles nur noch halbherzig und mit wenig Freude. Wir vergessen zwischendurch anzuhalten, um Luft zu holen und den Akku aufzuladen (würde uns beim Handy nie passieren, da sind wir fürsorglich!). Manchmal merken wir vielleicht sogar selbst, dass wir in der Hast gar nicht unbedingt produktiver sind. Aber es scheint trotzdem so, als wäre es unmöglich runterzuschalten. Und wenn einem dann jemand trotzdem dazu rät, einmal langsamer zu sein, winken wir ab. Keine Zeit!


Bewusst das Tempo drosseln


Zurück zu meiner Erfahrung, nachdem ich das Zitat gelesen habe. Am nächsten Morgen war ich gerade dabei, schnell das Frühstück vorzubereiten, um dann schnell noch ein Geschenk für einen Kindergeburtstag zu notieren, um dann schnell noch den Einkaufszettel um Kaffeebohnen zu ergänzen, um dann die Kinder zu wecken, die eigentlich schon vor zehn Minuten hätten aufstehen sollen, um dann... da kamen mir die Worte wieder in den Kopf: „Wenn du es eilig hast, gehe langsam.“ Na gut, dachte ich mir, und versuchte es ganz wörtlich zu nehmen. Es kostete mich Überwindung und Anstrengung, in der morgendlichen Hast runter zu schalten. Wenn ich jedoch schon eine Herausforderung annehme, dann auch richtig. So schaltete ich gleich zwei Gänge runter, atmete einmal tief durch und begann mit sehr gezwungener jedoch zumindest nach außen hin stoischer Gelassenheit das Brot zu schneiden. Es schien fast in Zeitlupe zu passieren. Ich fühlte das Messer in der Hand und beobachtete wie die Brotscheibe sich vom Laib trennte und auf das Holzbrett fiel. Für einen kurzen Moment dachte ich an meinen gestrigen Spaziergang zum Bäcker, um dann meine Aufmerksamkeit dem Schneiden einer weiteren Scheibe Brot zu widmen. Da sah ich aus dem Augenwinkel eine kleine Hand nach der ersten Brotscheibe greifen und stoppte nun gänzlich in meinem Tun. Die Kinder waren inzwischen wach geworden und standen in der Küche. Meine Tochter sah mich an, als ob irgendwas nicht mit mir stimmte. Vielleicht lag das an meinen lahmend wirkenden Bewegungen. Ich aber war begeistert: Da schneidet man in aller Seelenruhe Brot und ein Punkt auf der Liste erledigt sich wie von selbst. Die Kinder sind bereit für das Frühstück, während ich hier noch rumlahme.


Das war der Anfang einer neuen Art, mich immer wieder aus der Eile herauszuholen. Es hat eine Weile gebraucht, aber ich denke immer öfter daran. Ich handele bewusst langsamer, wenn es eigentlich so scheint, als ob keine Zeit zum Durchatmen ist. Erstaunlicherweise lösen sich dann manchmal andere Aufgaben wie von selbst. Manchmal passiert das auch nicht. Aber die Dinge, die ich dann nicht schaffe, waren dann oft auch gar nicht so wichtig. Und das Langsamer werden hat immer den Vorteil, kurz die Gedanken neu sortieren zu können. Das Wesentliche haut dann doch immer irgendwie hin. Ich bin gelassener, wenn etwas nicht so läuft, wie ich es mir eigentlich vorgestellt habe. Ich entwickle immer mehr Vertrauen dahin, dass schon alles seinen Weg nimmt.

Manchmal laufe ich bewusst langsamer, wenn ich merke, dass ich wieder in Eile gerate. Und das tatsächliche langsamere Gehen oder Handeln führt dazu, dass auch die Gedanken entschleunigen. Sie können wieder entwirrt werden, das Wesentliche tritt hervor. Wenn du dich wie eine Schnecke bewegst, können die Gedanken gar nicht rasen. Da zeigt sich, wie sehr unser Denken und Tun zusammenhängen.


Ich lade dich hiermit ein, das auszuprobieren. Nein, sei keine Schnecke, aber versuche einmal deinen Schritt oder dein Handeln zu verlangsamen, wenn du in Eile bist. Der erste Erfolg ist dir bereits sicher, wenn dir deine Hast bewusst wird. Wenn du es dann schaffst, in deinem Tun langsamer zu werden und merkst, wie sich auch dein Gedanken-Wirrwarr etwas beruhigt, dann ist das großartig. Und wenn du denkst, dass es dir gut getan hat, dann mach es am nächsten Tag nochmal. Wenn es dir gelingt, den Fokus auf nur eine Handlung zu legen und du spüren kannst, wie es dich weiter bringt, als die Eile es je getan hätte, dann freue ich mich richtig mit dir! Es muss auch nicht sofort oder jedes Mal gelingen. Ausprobieren ist das Wichtigste. So können die letzten Wochen im Jahr sich doch noch weniger hastig dem Ende zuneigen.

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